Krise als Chance? Deutsche Ingenieure tüfteln am Auto der Zukunft
Stand: 13.10.2025 11:02 Uhr Die deutsche Autobranche steckt in der Krise. Gleichzeitig tüfteln deutsche Ingenieurinnen und Ingenieure am Auto der Zukunft. Ein Besuch beim weltgrößten Zulieferer Bosch. In einer für
Die deutsche Autobranche steckt in der Krise. Gleichzeitig tüfteln deutsche Ingenieurinnen und Ingenieure am Auto der Zukunft. Ein Besuch beim weltgrößten Zulieferer Bosch.
In einer für die Öffentlichkeit eigentlich streng geheimen Werkstatt im Bosch-Werk Abstatt stehen sie: Die Prototypen des Autos der Zukunft. Ingenieurin Kerstin Heuß vom Team “Vehicle Motion” öffnet den Kofferaum und zeigt ihre neueste Entwicklung – blinkende Messtechnik.
“Im Kofferraum ist gar kein Platz mehr. Das ist jetzt aber nur für die Entwicklungsphase so”, sagt sie. Später wird dort gar nichts mehr sein. Die gesamte Technik wandert in ein einziges Steuergerät, ungefähr so groß wie eine klassische CD. Es sitzt im Chassis, unsichtbar für Fahrerinnen und Fahrer.
USB-Stick statt Werkstatt
Auch der Innenraum wirkt noch provisorisch. Ein großer Monitor am Ausleger zwischen Handschuhfach und Lenkrad steuert alles. Updates kommen per USB-Stick über die Mittelkonsole – die Software ersetzt den Werkstatt-Termin.
Nach dem Update geht es auf die Teststrecke. Das Fahrzeug ist voll verkabelt, jede Auffälligkeit wird erfasst und später ausgewertet. Das Ziel: den Fahrkomfort so verbessern, dass zum Beispiel Kindern auf der Rückbank nicht schlecht wird bei der Fahrt. Vor dem Update wäre genau das vermutlich passiert.
Von der Hardware zur Software
Die Aufgabe des Teams: mutig denken und die Autokrise für einen Neustart nutzen. “Die Situation ist spannend, sie bietet Möglichkeiten für Innovationen, weil man Paradigmen, die früher da waren, nicht mehr hat”, sagt Heuß. “Für uns bedeutet das: Es ist egal ob man einen Verbrenner oder ein E-Auto hat, unser System funktioniert mit beidem.”
Das Auto wird dabei noch stärker zum Computer. Das Fahrverhalten lässt sich auf Knopfdruck anpassen: sportlich oder familienfreundlich, eher hart oder weiche, rasant oder ruhig. Der große Unterschied zu heute: Statt vieler voneinander unabhängiger Steuergeräte bündelt ein zentrales System alles.
“Früher waren für diese Prozesse rund 100 Steuergeräte im Auto verbaut”, erklärt Ingenieurin Kerstin Heuß. “Wir zentralisieren das auf einem Hochleistungsrechner.”
Wie stark die Nachfrage gesunken ist
Das System soll die Fahrzeug-Bewegungen nicht nur steuern, sondern auch in Echtzeit optimieren können. Änderungen, für die früher Motoren ausgebaut werden mussten, kommen heute als Software-Update aus der Cloud.
Die Bosch-Ingenieure zielen damit auch auf ein Branchen-Problem. Die Nachfrage nach Autos ist stark gesunden, die Produktion geht zurück. Von 583.000 Pkws im März 2011 auf 237.000 im August 2025 – ein Einbruch von rund 60 Prozent laut dem Verband der Automobilindustrie.
Die Folge: Fast im Monatsrhythmus melden Hersteller oder Zulieferer Stellenabbau. Ein überzeugendes Software-Zentralnervensystem könnte wieder Begehrlichkeiten wecken – und Kosten senken.
Es geht um den Fahrkomfort
Neben dem großen Ziel, die Autoindustrie in Deutschland wieder in Schwung zu bringen, sei bei ihrer Arbeit auch ein klitzekleines bisschen Eigennutz dabei, gibt Kerstin Heuß zu. “Als Kind ist mir ganz oft auf der Rückbank schlecht geworden.” Das Thema Fahrkomfort treibe sie an – weniger Schaukeln, weniger Übelkeit.
Bleibt die Frage: Wann kommt das zentrale Nervensystem fürs Auto? Prinzipiell ist das System einsatzbereit. Hersteller testen es bereits. Bis es beim Endkunden ankommt werden wohl noch zwei bis drei Jahre vergehen – abhängig vom Autobauer.